Landeskunde > Die Fauna > Das Takhi > Die Hagenbeck-Expedition > 
21.11.2017 : 22:02 : +0100

Die Hagenbeckexpedition

Der Großteil der in Europa in zoologischen Gärten lebenden Takhis stammen von der Herde ab, die die Tierfänger Carl Hagenbecks in der Mongolei gefangen hat . In seinem Buch:

Von Tieren und Menschen

Band 6: Tierfang unter Nordlichtern und Tropengluten

beschreibt Carl Hagenbeck diese Expedition:
Quelle: Opens external link in new windowhttp://www.zeno.org

 (Anmerkung Eike Seidel: Im Text ist von farbigen Seidentüchern als Klein- oder Wechselgeld die Rede, die als "Kata" bezeichnet werden. Es handelt sich dabei um die heute meist als Xadak oder Khadak bezeichneten "heiligen Tücher", die in verschiedenen Farben mit unterschiedlicher Bedeutung existieren. Die vorherrschende Farbe ist Blau)

Eine der interessantesten Forschungsreisen war diejenige, die auf Anregung meines Gönners, des Herzogs von Bedford, nach Asien entsandt wurde, um den Versuch zu wagen, lebende Wildpferde (Equus Przewalskii) nach Europa zu bringen. Frühere Versuche waren gescheitert, mit einer einzigen Ausnahme. Dem bekannten Tierfreund und Züchter Falz-Fein war es gelungen, einige Exemplare  dieser seltenen Tiere aus der asiatischen Steppe nach seiner Besitzung Askania Nova auf der Krim zu verpflanzen. Damals wußten wir verhältnismäßig wenig über das Wildpferd und so gut wie nichts über die genaue Lage der Fangplätze. Mit der schwierigen Aufgabe, das Notwendige zu erforschen und später die Expedition nach der Mongolei zu führen, betraute ich meine bewährtesten Reisenden Wilhelm Grieger und Karl Wache und versah sie mit reichen Geldmitteln, wertvollen Empfehlungen und Geleitbriefen von der russischen Regierung, dem chinesischen Gesandten in Berlin und einem, der sich als besonders wertvoll erwies, aus der Hand des Prinzen Alexander von Oldenburg. Dieser Geleitbrief enthielt eine warme Empfehlung Griegers an einen damals in Petersburg lebenden hochangesehenen buddhistischen Lama, Dr. Radmai, der ein großer Kenner von Land und Volk der Mongolei war.

Zunächst begleitete Grieger einen Tiertransport zu Herrn Falz-Fein nach Südrußland. Der auf seine Schätze mit Recht eifersüchtige Tierfreund rückte indes mit der gewünschten Nachricht nicht heraus. Erst auf Umwegen gelang es dem Reisenden festzustellen, daß die Fangplätze des Wildpferdes in der Nähe von Kobdo unterhalb der nördlichen Abhänge des Altaigebirges zu suchen seien.

Mit dem eroberten geographischen Fingerzeig reiste Grieger freudig nach Petersburg, um von hier aus die über 4000 km lange Fahrt in die Innere Mongolei vorzubereiten, wobei ihm der buddhistische Lama wertvollste Ratschläge erteilen konnte. Er machte Grieger darauf aufmerksam, daß man dort nicht mit dem in Europa gangbaren Geld reisen könne. Die gangbare Münze ist vor allem eine gewisse Art von Silberbarren, die in der Norddeutschen Raffinerie zu Hamburg hergestellt sein müssen, weil die Eingeborenen dieses weiße Hamburger Silber, wie sie es auch nennen, dem dunkleren englischen vorziehen. Diese Silberbarren wiegen etwa elf Pfund, und bei der Verwandlung in Geld werden sie von den Mongolen erwärmt, in kleine Stücke zerschlagen und dann auf einer eigenartigen Messingwaage abgewogen. Der zweite wichtige Tauschgegenstand war gepreßter Ziegeltee, ein ganz besonderer chinesischer Tee, der im frischen Zustand mit Zweigen und Blättern in die Form von Platten gepreßt wurde. Siebenundzwanzig Tafeln Ziegeltee geben eine Tunse, deren drei eine Kamellast von ungefähr 450 bis 500 Pfund ausmachen. Als Kleingeld, gewissermaßen als Wechselmünze, dienen gewebte wollene Bänder, die bekannten Kata, die, ohne einen praktischen Wert zu besitzen, bei jeder Gelegenheit als Geschenk verwandt werden. Sie sind etwa einen Meter lang, fünf Zentimeter breit und einfarbig, meist blau oder rot. Gelbe Bänder haben nur die Hälfte des Wertes. Als eine Art Scheidemünze mußte sich Grieger außerdem noch mit kleinen Seidentüchern versehen, die einen Kaufwert von zwanzig bis vierzig Kopeken besitzen.

Als die erforderlichen Silberbarren von Hamburg eingetroffen waren, bestiegen meine Reisenden Grieger und Wache die Eisenbahn und machten sich auf den Weg zur Mongolei. Im Frühling, wenn die Fohlen ins Leben treten, mußte die Expedition an Ort und Stelle sein. Zuerst ging es mit der sibirischen Bahn über Moskau zum Ob, vom Ob im Schlitten etwa 250 Werst weit nach Biesk, einem Platz, der ungefähr 75 Werst östlich vom Altai liegt.

Bisher war es noch möglich gewesen, auf den weit voneinander entfernten Schlittenstationen karge Nahrung zu erhalten. Die Mühseligkeiten der Reise begannen eigentlich jetzt erst. Von eingeborenen Stämmen wurden Führer und Reittiere in Dienst genommen, um meine Reisenden mit ihren zusammenlegbaren Zelten, ihren Proviantkisten und dem Silberschatz ins Innere zu befördern. Teils zu Pferde, teils zu Kamel, aber immer im Sattel, wurden im tiefen Schnee und bei grimmiger Kälte die 900 Werst über Kaschagatsch nach Kobdo zurückgelegt. Als man von den Tragtieren die fünfzig Kisten mit der für die einzufangenden Wildfohlen mitgenommenen sterilisierten Milch ablud, war sie bei der Kälte von 38 Grad Reaumur unter Null zu Eis gefroren.

Kobdo machten meine Reisenden nun zu ihrem Stützpunkt. Auf der Karte war der ferne Ort zwar als Stadt eingetragen, aber er zählte damals nur 1500 Einwohner. Am Endpunkt der großen Karawanenstraße von Peking gelegen, ist er sogar eine chinesische Festung und Sitz des Gouverneurs. Neben seinem Palast – einem bescheidenen Steinhäuschen – war das wichtigste Gebäude das Gefängnis, in welchem die unglücklichen Opfer der grausamen chinesischen Justiz, mit Ketten um den Hals angeschmiedet, bei lebendigem Leibe verfaulten. Etwa zu drei Vierteln setzt sich die Einwohnerschaft aus Sarden zusammen, einem mohammedanisch-tatarischen Volksstamm aus Turkestan. Den Rest bilden chinesische Kaufleute, die mit mongolischen Artikeln handeln und ihre Waren durch die zweieinhalb Monate von Peking nach Kobdo ziehenden Kamelkarawanen erhalten.

Inzwischen warben Grieger und Wache in den Tälern des Altaigebirges die notwendigen Mannschaften an, denn die Abfohlperiode rückte näher. Werfen wir noch einen Blick auf die Landschaft an den Ufern des Zedzik-Noor, die, im Süden vom Altai begrenzt, von verschiedenen Mongolenstämmen bewohnt wird, deren jeder einem Stammesoberhaupt oder einem Fürsten gehorcht. Grieger fand bei diesen Nomaden freundliche Aufnahme, wenn auch das im Schnee errichtete Zelt trotz aller Decken und Pelze wenig Schutz gegen die eisige Kälte gewährte. Die Feuerung war nicht zu beschaffen, da der für diese Zwecke verwendete trockene Viehdung zu dieser Zeit sehr knapp wird. Mit Vorliebe nehmen die Mongolen den Pferdedung und stapeln ihn lose auf. Ein Stück davon zerreiben sie in der Hand zu feinem Pulver, welches sie mit Stahl und Zunder entzünden. Geht der Wind, so überläßt es der Mongole diesem, in der glimmenden Masse die Flamme anzuregen. Sonst setzt er sich davor und pustet und pfeift geduldig hinein, bis das Feuer emporschlägt.

Vier Monate hindurch gab es fast ausnahmslos Schafsfleisch, wozu die Eingeborenen Tsamba tranken, ein Gemisch von Tee, Butter und Salz, das als Nationalgetränk in der Mongolei und Tibet bis an die chinesische Grenze hoch geschätzt wird. Mit dem Geschmack dieses so mühsam von den Mongolenfrauen in Holzmörsern zerstampften Tees kann man sich eher befreunden als mit der Art, wie der Mongole ihn dem Gast häufig anbietet. Ehe er die Trinkschale füllt, schaut er sie zwar an, aber es bringt ihn nicht in Verlegenheit, wenn er sie schmutzig findet. Er spuckt dann kräftig hinein, reibt nötigenfalls mit den fettigen Zipfeln seines Rockes nach und füllt nun das so gereinigte Gefäß. Ein zweites Lieblingsgetränk ist der Arka, ein aus den Rückständen verdunsteter Milch gewonnener Schnaps. Wählerisch in ihrer Nahrung sind diese abgehärteten Söhne der Natur keineswegs. Gesundes Vieh wird nur in der Not geschlachtet, auch verendetes nicht verschmäht. Die Eingeweide wandern, nachdem man sie durch die Finger gezogen und entleert hat, einfach in den Kochtopf. Merkwürdigerweise ekeln sie sich vor Fischen, die in ihrer Naturgeschichte zu den Schlangen zählen. Aus diesem Grunde hatten sich die Forellen so ungeheuer vermehrt, daß der Zedzik-Noor buchstäblich bis zum Rand mit ihnen angefüllt war. Grieger konnte sie im Frühling einfach aus dem Wasser schöpfen, in dem sie dichtgedrängt zu Tausenden schwammen. An einem einzigen Nachmittag fing er hundert Stück, die er kochte, briet und nach anfänglichem Mißgeschick auch räucherte.

Von dem guten duftenden Fleische hätten die Mongolen nun doch zu gern gekostet. Viele Bettler und Zaungäste fanden sich vor Griegers Zelt ein, der sich der Lungerer auf ergötzliche Weise erwehrte. Einen Forellenbissen pfefferte er heimlich gehörig ein und reichte ihn hinaus, worauf ein heftiges Spucken und Niesen sowie eine eilige Flucht erfolgte. Der Pfeffer war diesen Nomaden unbekannt, und wer die beißend heiße Speise des merkwürdigen Europäers einmal gekostet hatte, war nicht zu bewegen, sie ein zweites Mal anzunehmen. Grieger hatte reichlich Gelegenheit, die seltsamen Sitten und Lebensgewohnheiten der Mongolen zu beobachten. Ihre Toten warfen sie einfach in die Steppe hinaus und überließen sie pietätlos den Geiern und Krähen zum Fraß. Ackerbau wurde nicht betrieben. Seine ganze Arbeit widmete der Mongole dieser Gegenden der Viehzucht. Jeder Mann ist beritten und bewaffnet von der Feuersteinschloß- bis zur Perkussionsflinte. Männer und Frauen tragen Hosen und hohe Stiefel. Die Beinkleider bestehen meistens aus blauer Leinwand, die breiten Sohlen der Stiefel aus Leinwandeinlagen bis zu einer Dicke von zwei Zentimetern. Die größte Freude macht man dem Mongolen mit Tabak, der an der Spitze seiner Wünsche steht. Deshalb legt er auch der Ausstattung seiner Pfeifen große Bedeutung bei und beurteilt nach ihr den Stand des Besitzers. Das Pfeifenrohr, ein etwa dreißig bis vierzig Zentimeter gerader Holzstab, ist mit einem Mundstück aus einem achatartigen Stein geschmückt. Je größer und gewählter dieses Mundstück, desto reicher und vornehmer der Besitzer. Der Mongole ist sehr gastfrei, jedoch wenig gesprächig.

Jedes Mongolenzelt wird von einer Schar schakalartiger, sehr bissiger Hunde bewacht. Der Besitzer scheucht die Kläffer aber rasch und freundlich von dem Ankömmling fort und nimmt diesem das Pferd ab, das er sofort, an drei Füßen gefesselt, auf die Weide führt. Der Gast betritt das gemeinsame Zelt, und sei es Tag oder Nacht, die Mongolin bereitet sofort den Tee und das Lager für den Fremdling. In den Tälern von Kobdo schoß Grieger vor Beginn des Fohlenfanges nebenher eine große Sammlung von Vögeln, in welcher sich eine ganz neue und in Europa bisher unbekannte Fasanenart befand.

Bei alledem wurde der Zweck der Expedition keinen Augenblick aus den Augen gelassen, und als die Zeit der Jagd herankam, waren alle Vorbereitungen getroffen. Mit Hilfe der inzwischen befreundeten Stammesoberhäupter wurden die Jagdgehilfen zusammengestellt, die bislang noch nie in ihrem Leben Tiere lebend gefangen hatten und dazu erst angelernt werden mußten. Zunächst lauerte man den Tieren, wenn sie zur Tränke kamen, aus großer Entfernung auf, um festzustellen, wie weit und in welcher Zahl sich die jungen Fohlen bereits bei den Wildpferdherden befanden. Deutlich waren drei Unterarten der Wildpferde zu unterscheiden. Eine Art fand sich auf einer großen Ebene im Osten des Gebirges, im Norden und Süden von den beiden vom Altai kommenden Flüssen, dem Kui-Kuius und dem Urungu, begrenzt. Beide Flüsse fließen westwärts in einen See. Die andere Art wurde etwa 300 Kilometer südlich von Kobdo auf einer von Bergen umschlossenen Steppe gejagt. Die dritte fand sich in südöstlicher Richtung auf einem großen Plateau im Gebiet des Zedzik-Noor. Alle drei Arten hatten eine gewellte Körperbehaarung, welche sich auch auf die Beine erstreckte. Das Auge war schwärzlich, die Stirn stark gewölbt, nur in der Färbung waren sie verschieden. Sehr zahlreich waren die Wildpferde auch in dieser Gegend nicht. Grieger zählte nur kleine Herden von zwölf bis fünfzehn Stück. Nach der langen Vorbereitungszeit bot der Fang selbst keine Schwierigkeiten mehr. Die Tiere hatten die Gewohnheit, sich einige Stunden an der Tränke zu lagern.

Unter Führung der Hagenbeckleute schleichen sich die Mongolen unter dem Wind mit ihren Pferden heran. Auf ein gegebenes Zeichen stürzt die ganze Gesellschaft mit Hallo und Geschrei auf die lagernde Herde, die entsetzt in einer großen Staubwolke flüchtet, verfolgt von den hetzenden Mongolenreitern. Nach und nach tauchen aus der Staubwolke einige Punkte auf. Es sind die armen Fohlen, die noch nicht schnell genug laufen können und bald mit vor Schreck und Erschöpfung geblähten Nüstern und fliegenden Flanken stehenbleiben. Sie werden mit einer Schlinge eingefangen, die an einer langen Stange befestigt ist, und zum Lager geführt. Dort erwartet sie eine große Anzahl zahmer mongolischer Mutterstuten mit saugenden Füllen, die nun leider daran glauben müssen, da ihre Mütter als Ammen für die jungen Wildfüllen in Dienst gestellt werden. Es währt etwa drei bis fünf Tage, bis sich die Stiefmutter an den kleinen Fremdling gewöhnt hat. Jetzt haben die Nomaden die Fangmethode von den Hagenbeckleuten gelernt und beginnen, den Fang auf eigene Faust zu betreiben. Hatte der erste Auftrag nur auf sechs Wildpferde gelautet, so befinden sich nach kurzer Zeit bereits ihrer dreißig im Lager.

Grieger weiß sich keinen Rat. Es nutzt nichts, er ist gezwungen, heimzutelegraphieren. 2000 Kilometer muß er zu diesem Zweck über Land reiten, vier Tage mit dem Schiff reisen, dann erreicht er die Poststation. Er wartet achtundvierzig Stunden auf die telegraphische Rückantwort aus Hamburg und reist zurück nach Kobdo, wo er nach zwanzigtägiger Abwesenheit wieder eintrifft. Unzählige Male mußten unterwegs die Pferde gewechselt werden. Zuerst in den angetroffenen Mongolenlagern, dann auf russischen Poststationen. Als er wieder auf der Fangstelle eintrifft, ist der Wildpferdbestand auf zweiundfünfzig Fohlen angewachsen. Mit einer Riesenkarawane, zu welcher außer den gefangenen Jungtieren deren Ammen sowie die Lastkamele und dreißig angeworbene Treiber zählen, wird die lange Heimreise nach Europa angetreten. Monatelang wandert der große Treck in Hitze und Kälte durch Gebirge und Täler in einem mühseligen Fußmarsch von 3000 Kilometern bis zur ersten Eisenbahnstation. Während des Tages erreicht die Temperatur bis zu 20 Grad Wärme und sinkt in der Nacht bis unter den Gefrierpunkt. Für manche der jungen Tiere sind die Strapazen zu groß. Sie gehen ein trotz aller Sorgfalt und Pflege. Einmal brechen infolge von Unachtsamkeit der Begleitmannschaft sämtliche Kamele aus und müssen erst mühsam wieder eingefangen werden. Ein anderes Mal meutern die Treiber, wollen den auf sie angewiesenen Reisenden erpressen, der sich mit seiner Kirgisenpeitsche erst wieder Gehorsam verschaffen muß, bis die entlohnte Begleitung wieder in ihre Heimat zurückkehren kann. Elf Monate dauerte der Transport, mit dem erstmalig achtundzwanzig lebende Wildpferdfohlen in Hamburg eintrafen. Drei Tage nach der Ankunft wurden sie von ihren Ammen entwöhnt und von nun an mit Haferschrot, warmer Kleie und gelben Mohrrüben gefüttert. So führte ich die ersten Wildpferde in Westeuropa ein.

Anmerkung Eike Seidel: Die Herde traf 1901 in Hamburg ein